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Zürcher Landluft für Kinder aus der Region Tschernobyl

Jahr für Jahr verbringen Kinder aus Weissrussland Ferien bei Gastfamilien im Knonauer Amt

Seit 2002 kommt jedes Jahr eine Gruppe von Kindern aus Tschernobyl ins Knonauer Amt in die Ferien. Eingeladen und betreut werden sie von Freiwilligen aus Affoltern, Hausen und Maschwanden. Dieser Tage ist wieder eine Gruppe von Ferienkindern unterwegs.

«In unserer Kirchgemeinde wollten wir etwas tun für die strahlengeschädigten Kinder von Tschernobyl», erinnert sich der Landwirt Ruedi Künzi aus Maschwanden. 2001 setzte man sich mit der Stiftung «Den Kindern von Tschernobyl» in Verbindung, die nach der Reaktorkatastrophe 1986 von den Weissrussen Gennadi und Irma Gruschewoi gegründet worden war. Die private, vom Staat unabhängige Stiftung vermittelt Ferienaufenthalte für strahlengeschädigte Kinder. Bald schlossen sich einige Vertreterinnen und Vertreter der evangelischen Kirchgemeinden Affoltern, Hausen und Maschwanden zusammen und gründeten die Projektgruppe Belarus Affoltern. Eine Abordnung reiste nach Weissrussland, um sich dort vorzustellen. Ruedi Künzi, der die Aktion seit der Gründung leitet, erinnert sich: «Wir wurden herzlich empfangen und reich bewirtet, das Vertrauen war geschaffen. Wir konnten aber auch die Armut der Menschen sehen. Manche Kinder kommen aus zerrütteten Familien, der Vater trinkt und hat keine Arbeit.» Seit 2002 kommen jeweils zwanzig Kinder ins Knonauer Amt in die Ferien. Und seit dem ersten Besuch hält die Solidaritätswelle unter der ländlichen Bevölkerung an.

Wald und Wasser erleben

«Wald und Wasser» lautet das Thema an diesem Junitag, den die Kinder aus Tschorny Bor auf einem Ausflug im Wald entlang dem Jonenbach erleben. Helfer bringen die Gäste, alle zwischen 8 und etwa 11 Jahren, mit dem Auto zum Sammelplatz bei Zwillikon. Sie sind erst wenige Tage in der Schweiz und wirken noch etwas bleich und scheu. Am Samstag sind sie mit dem Flugzeug aus Minsk in Kloten gelandet und von den Gastfamilien in Empfang genommen worden. Bereits am Sonntagmorgen traf man sich zu Brunch und Kleiderbörse im Kirchgemeindehaus. Viele Leute brachten Kinderkleider mit, Geschäfte steuerten Naturalien und Bargeld bei, alle erhielten auch einen neuen Rucksack mit Toilettenartikeln.

Zwei Übersetzerinnen, Galina Biza und Victoria Shukowa, begleiten die Gruppe und helfen den Kindern und ihren Betreuern, sich zu verständigen. Die überwiegend ländliche Region um Tschorny Bor, rund 230 Kilometer östlich von Minsk, wurde von der radioaktiven Wolke des Reaktors hart getroffen und wird für lange Zeit verstrahlt bleiben. Die Kinder, die sich jetzt im Kanton Zürich erholen, sind alle nach 1986 geboren worden, doch sie leiden unter den Folgen; ihr Immunsystem ist geschwächt, sie sind weniger belastbar und ermüden rascher.

An Seilen, die sie am Vortag gespannt haben, überqueren die Kinder den Jonenbach; eine Mutprobe und ein grosser Spass für die Mädchen und Buben, von denen die meisten in tristen Vorstadtblöcken leben. Architekt Bernhard Stierli hilft am Abenteuertag mit: «Ich bin seit dem Anfang dabei, und es bereitet mir Genugtuung, diesen Kindern helfen zu können, für ein paar Wochen der Strahlenbelastung zu entkommen.» Auf die Frage, was ihm in der Schweiz zuerst aufgefallen sei, lächelt der kleine Vitalik beim Braten der Cervelats am Lagerfeuer: «Die Natur ist so schön hier, und überall sind Berge», auch die «freundlichen Leute» gehören zu den positiven Erfahrungen. Untereinander reden die Kinder auch vom Überfluss, den sie in der Schweiz sehen. Galina und Victoria versuchen, ihren Schützlingen zu erklären, dass all die tollen Dinge hier nicht vom Himmel fallen, man müsse dafür diszipliniert arbeiten.

Viele Helferinnen und Helfer

Die Kerngruppe der Helfer zählt etwa zehn Personen. Ein zweiter Kreis umfasst rund fünfzig Freiwillige, die bei Ausflügen Unterstützung leisten oder Veranstaltungen organisieren. Im dritten Kreis, der den Fahrdienst besorgt, machen rund dreissig Personen mit. Alexandra de Pretto aus Ottenbach hat Vitalik in der Familie aufgenommen. «Unsere drei Kinder schlafen mit ihm zusammen im selben Zimmer», sagt die Lehrerin, «die erste Nacht verbrachte Vitalik im Gastzimmer, bat dann aber, gemeinsam mit unsern Kindern schlafen zu dürfen.» Anfangs habe sich das sensible Kind eher passiv verhalten, aber bald habe es gesehen, wie es bei der Gastfamilie läuft. Wenn die Übersetzerin nicht zugegen ist, behilft man sich zur Verständigung mit Gesten oder Zeichnungen. Die Familie hat sich ein bebildertes Wörterbuch beschafft, mit dessen Hilfe man einiges erklären könne, sagt Ehemann Guido.

Auf die Frage, ob er in seiner Heimat schon einen Bären gesehen habe, sagt Sergei: «Nein, bei uns noch nie, aber hier, im Tierpark Goldau!» Andere Ausflüge führen die Kinder an den Rheinfall, in den Zürcher Zoo oder auf den Rigi. In der Dorfbäckerei dürfen sie Zöpfe flechten. Ein wichtiger Programmpunkt ist auch der Zahnarztbesuch, wo die jungen Gäste ihre Zähne reparieren lassen können; die Zahnärzte arbeiten kostenlos. Zum Abschied nach den gemeinsamen Wochen fliessen Tränen; denn jedes Kind darf nur einmal in die Schweiz reisen, damit möglichst viele von dieser Brücke der Solidarität zwischen zwei Welten profitieren.

Hilfe für Kinder aus Tschernobyl

In ganz Europa ermöglichen humanitäre Gruppen Kindern aus Tschernobyl Aufenthalte im Westen. Besonders aktiv ist Deutschland, aber auch Italien oder Frankreich unterstützen die Aktion. In der Schweiz machen sich mehrere Gruppen nützlich, so der in Opfikon domizilierte Verein Tschernobylhilfe Hardwald, die Tschernobyl-Hilfe Surselva und die Organisation Hoffnung für Kinder aus Tschernobyl-Wallis. Trotz den vielen geleisteten Gratisstunden fallen Kosten von etwa 1500 Franken pro Kind für Flugticket, Versicherungen und Auswärtsmahlzeiten an; für die Aktion wird kein Rappen Steuergeld verwendet.

Neue Zürcher Zeitung, 10. Juni 2008