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Belarus, Inbegriff von Hoffnung

Bezirk Affoltern im Banne der Kinder von Tschernobyl

Seit dem 21. Mai sind 20 Kinder aus Tschorny Bor (Weissrussland) bei Gasteltern im Bezirk Affoltern. Zahlreiche Helferinnen und Helfer sorgen während 4 Wochen im Rahmen des Projekts Belarus für fröhliche Gesichter, volle Bäuche und lachende Herzen.

«Hallo», ruft uns die 12-jährige Valentina in Deutsch entgegen. Sie und ihre Freunde vergnügen sich gerade beim gemeinsamen Spiel. Immer wieder hört man deutsch-russische Wortwechsel zwischen den Kindern. Verständigung ist kein Problem denn wo keine Worte gefunden werden, da gibt es auch Handzeichen, Gesten oder einfach vorzeigen lassen. «Velofahren und «Verstecken» spielen macht mir besonders Spass», erklärt sie unserem Übersetzer Alfonso. Sie ist mit einer grossen Tasche in der Schweiz angekommen. Darin waren jedoch keine Kleider, Pyjama oder Schuhe, nein sie hatte eine Flasche Wodka mit einer Karaffe dabei, als Dankeschön ihrer Eltern an die Gastfamilie. Sie fühle sich sehr wohl hier meint Valentina, dass Essen sei gut, die Leute sehr freundlich und nett. «Mein erstes Schaumbad war ein tolles Erlebnis», lacht sie fröhlich vor sich hin. Sie würde gerne ihrer Schwester einen kleinen Photoapparat mitbringen meint sie auf meine Frage und wenn sie wieder zu Hause sei in Tschorny Bor möchte sie einmal sehr gut Deutsch und weitere Sprachen lernen. Aber dazu hätte sie jetzt keine Zeit, meint sie, weil es sehr lange ginge bis sie ihrer Familie daheim alles erzählt habe, was sie in der Schweiz erlebt hat. Christine Böck ist die «Gastfamilienmutter» von Valentina und meint zum Thema Integration: «Das läuft am besten, wenn die eigenen Kinder etwa im gleichen Alter sind, dann geht vieles fast automatisch.» Auch möchte sie zukünftigen Gasteltern den Rat geben, die wichtigsten Begriffe und die Uhrzeiten in Russisch zu lernen, weil die Kinder oft zu einer gewissen Zeit für einen Ausflug bereit sein müssen.

Projektgruppe vor Ort in Tschorny Bor

Im Vorfeld des Projektes Belarus reisten 3 Mitglieder der Kerngruppe nach Weissrussland um die Lage vor Ort zu prüfen. Am 22. März trafen sie den Gründer der Stiftung «den Kindern von Tschernobyl», Herr G. Gruschewoy, welcher nach der Katastrophe keine Gefahr gescheut, eine Massendemonstration organisiert hat, verhaftet wurde und letztendlich noch 1989 die erste Bürgerinitiative lancieren konnte. Einen Tag später ging die Fahrt weiter nach Bychov, einem ehemaligen Militärstützpunkt. Über grasbewachsene ehemalige Landepisten fuhren sie zu einem Supermarkt der wie ein Museum wirkte. Fast nichts, aber alles zu teuer, so könnte man es treffend nennen. Hier trafen Ruedi Künzi, Priska Bill und Brigitte Schober ihre Kontaktperson Olga die seit Jahren für die Stiftung tätig ist. Am 25. März war es dann soweit, «Tschorny Bor» war in Sicht.

Kolchose Tschorny Bor

Die Kolchose Tschorny Bor ist ein weit gestreutes Dorf mit vielen kleinen Häusern, deren Zustand nichts mit dem eines durchschnittlichen Schweizer Hauses gemein hat, wie uns Galina die Dolmetscherin später bestätigt. Die Schule, ein 23-jähriger Backsteinbau sticht etwas aus dem Bild hervor. 155 Schüler aus 10 umliegenden Dörfern gehen dort an 5 Tagen pro Woche zur Schule. Ab der 5. Klasse ist Deutschunterricht obligatorisch. Dort sprach die Projektgruppe auch zum ersten Mal mit der Dolmetscherin über das Projekt Belarus und über den geplanten Aufenthalt im Bezirk Affoltern — «Belarus» war geboren.

Nachgefragt:

Wie ist es zum Projekt Belarus im Bezirk Affoltern gekommen?

Ruedi Künzi: Siggi Merz hat von einem Bekannten, der in der Ukraine wohnt einen Brief erhalten. Dieser Brief gelangte an die Kirchgemeinden im Bezirk, dann wurde Iris Knobel wirksam und suchte Menschen die mithelfen wollen.

2 Jahre Vorbereitung Organisation und Planung sind vorbei, wie fühlen sie heute?

Iris Knobel: Es ist ein sehr gutes und auch stolzes Gefühl, gemeinsam mit anderen ein Ziel erreicht zu haben.

Welches waren die grössten Schwierigkeiten, die es im Projekt zu überwinden galt?

Brigitte Schober: Wir mussten ein halbes Jahr am Projekt arbeiten ohne die geringste finanzielle Sicherheit. Es war auch schwierig erste Kontakte mit Weissrussland zu knüpfen.

Was glauben sie können wir den Kindern mitgeben bei Ihrer Rückkehr?

Vreni Bär: Ich hoffe, viele schöne Erinnerungen an einen angenehmen Aufenthalt.

Gibt es ein Belarus im Jahr 2003?

Ruedi Kuenzi: Ja, ganz bestimmt !

Brigitte Schober: Ein solches Projekt macht nur mit Nachhaltigkeit Sinn, deshalb ja.

Erlebnis «Gastfamilie»

Was ist es, was unsere Gastfamilien motiviert hat, sich zu engagieren und auf etwas unbekanntes einzulassen ? Etwas sinnvolles aktiv unterstützen zu können meinten einige, andere führten die eigene Betroffenheit zur Zeit des Reaktorunglücks auf. Wieder andere fasziniert es, Einblick in eine fremde Kultur zu erhalten oder sich revanchieren zu können für ein schönes Erlebnis als Pflegekind in der eigenen Kindheit.

Der Entscheid, Gastfamilie zu werden wurde von fast allen als Gemeinschafts-entscheid der ganzen Familie gefällt. Eine gute gemeinsame Vorbereitung habe alle auftretenden Ängste und Unsicherheiten beseitigt und der Vorfreude Platz gemacht, betonten viele und einige beschlossen schon heute auch im nächsten Jahr wieder dabei zu sein.

Breite Unterstützung im Amt

Das Projekt Belarus hat im ganzen Amt breite Zustimmung erfahren. Sei es die zahlreichen Firmen und Privatpersonen, die das Projekt auf finanzieller Seite ermöglichten, oder die vielen einzelnen Tätigkeiten wie Tagesprogramme, Fahrdienst, Verpflegung, die Organisation der Kleidersammlung, Kontakt mit Behörden und Vereinen, bis hin zur Mund-zu-Mund-Propaganda. Dies alles sind Bausteine ohne die eine solches Projekt nicht möglich wäre.

Die Sprache des Herzens

Wir treffen Galina, die Dolmetscherin während die Kinder mit Seidenmalen beschäftigt sind. «Die Gastfamilien sind wirklich alle sehr nett zu den Kindern, sie werden sichtlich verwöhnt und geniessen es, für einmal ein wenig im Mittelpunkt zu sein», erzählt sie.«Die Kinder allerdings» — ergänzt sie, «sehen mit dem Herzen nicht mit den Augen.»

Nein, Nein, nicht !

Kein Hilferuf, wie uns Maya Moser, Gastfamilienmutter der 10-jährigen Julia bestätigt. Eher eine kategorische Ablehnung von Dingen die sie nicht essen mag, unter anderem Kartoffeln und Karotten — davon bekäme sie zu Hause genug. «Julia kommt einfach mit und macht alles was gerade angesagt ist, sie will alles ausprobieren», meint Maya. «Mein Mann bringt ihr gerade das Inline-Skaten bei, das hat so seine Tücken , aber selbst durch den einen oder anderen Sturz lässt sie sich nicht davon abbringen». Schon am ersten Morgen macht sich die Familie Moser mit dem Velo auf zum Dorfladen, steil den Berg hinab. Wie kann man dieses Fahrrad anhalten fragt sich Julia — durch einen Sprung ins Gras — die Rücktrittsbremse konnte sie bis heute nicht finden. Zwei Tage später sagt Julia zur Gastmutter Maya: «Magasin». Also machen sich die zwei erneut zum Dorfladen auf und Julia geht durch den ganzen Laden, bis sie vor dem Sonnenbrillen-Ständer stehen bleibt. Sie möchte unbedingt so etwas haben, was sich nachher auch bewahrheitet. Wichtig ist diese Sonnenbrille für Julia wirklich, denn sie trägt sie täglich, auch wenn es regnet, dann steckt man diese eben zur Dekoration ins Haar.

Kaum waren weitere drei Tage vergangen, wollte Julia erneut in den «Magasin». Doch dieses Mal war der Dorfladen nicht das Richtige. «Nein, nein, Coop-Magasin.» Ach, so schnell wird man wählerisch und kennt die Vorzüge der einzelnen Geschäfte! Im grossen Einkaufszentrum geht die Reise durch die Verkaufsgestelle bis zur Spielwarenabteilung. Dieses Mal ist es das Regal mit den Barbie-Puppen, das Julia seit ihrem ersten Einkauf vor wenigen Tagen nicht mehr aus den Kopf ging. Maya Moser wusste natürlich sofort, was das zu bedeuten hatte. Unverzüglich besuchten sie zusammen eine Nachbarsfamilie, die ohne zu zögern gerne bereit war, Julia für die Ferien eine Kiste mit Puppen und Kleidern auszuleihen.

«Das schlimmste wird wohl sein, in 3 Wochen wieder Lebwohl sagen zu müssen», meint Maya Moser.

Weihnachten im Mai

Die von Anita Gisler organisierte Kleidersammlung übertraf wohl jede Erwartung. Im Chilehus in Affoltern wurde eine riesige Auswahl an Pullovern, Hosen, Röcken, Badehosen, Schuhen und weiteren Kleidungsstücken aufgebaut. Die mit viel Liebe und Sorgfalt angehäuften Kleidertürme boten für die Kinder einen überwältigenden Anblick. Kein Zweifel so etwas hatte noch keines von Ihnen gesehen. Anfangs noch vorsichtig wuchs die Begeisterung schnell und es wurde fleissig ausgewählt und anprobiert.

Um 9 Uhr am nächsten Tag treffen sich die Kinder und die für den heutigen Ausflugstag verantwortlichen Leiter vor dem Eingang der Höllgrotten in Baar. Eine Besichtigung in den grossen Höhlen ist für die Kinder beeindruckend und auch der anschliessende Fussmarsch mit Picknickhalt in Richtung Hallenbad bereitet viel Freude.

Aber es sollte noch besser kommen: ein solches Schwimmbad haben diese Kinderaugen noch nicht gesehen. Verschieden tiefe Becken mit Spielsachen, Sprungturm und einer Stromschnelle…

«Ich habe noch nie in meinem Leben solch glänzende, begeisterte, vor Freude jubelnde Augen gesehen — wie Weihnachten mitten im Mai!» schildert Jeannette Strebel, die mit der Fotokamera dabei war. Die Kinder, inzwischen ohne jede Spur von Kamerascheu, wollten sich in allen Variationen fotografieren lassen. Beim Ballspiel, beim Schwimmen, beim Tauchen und beim ins Wasser springen.

«MIR» — Frieden

Auf dem Bauspielplatz konnten sich die Kinder am letzten Samstag dann so richtig austoben. Unter fachkundiger Anleitung der Mitglieder des Vereins «Bauspielplatz» wurde gehämmert und gesägt, ja sogar die Motorsäge kam des öfteren zum Einsatz. Der Kreativität waren fast keine Grenzen gesetzt, sei es nun beim basteln mit Ton oder Styropor, beim Bau der Heissluftballone, deren Aufstieg frenetisch gefeiert wurde oder beim spielen auf einer der vielen Anlagen. Einen besonderen Höhepunkt bildete die Turmeinweihung. Fleissige grosse und kleine «Handwerker» bauten einen ca. 6 m hohen Turm aus Holz. Die passende Fahne dazu wurde ebenfalls durch die Kinder gemalt und mit den Zeichen MИР beschriftet — was soviel bedeutet wie Frieden. Diesen werden wohl, nach einem wettermässig wie inhaltlich perfekten Tag, nicht nur die Kinder in ihren Herzen getragen haben.

Schlimmere Zustände erwartet

Sieben Zahnärzte aus dem Bezirk beteiligten sich aktiv im Projekt. Vier Zahnärzte führten Behandlungen durch, während zwei vor allem prophylaktische Massnahmen ergriffen. Dr. med. dent. Oren Kalkstein aus Affoltern führte die Triagen durch und teilte die Kinder seinen Kollegen und Kolleginnen zu. Sämtliche Aufwendungen wurden kostenlos durchgeführt. «Ich habe eigentlich schlimmere Zustände erwartet», meinte Kalkstein. Markant sei jedoch, dass bei allen Kindern Karies im fortgeschrittenen Stadium gefunden wurde. Ohne regelmässige Behandlung könne diese nicht mehr aufgehalten werden, ergänzte er.

Abschlussfeier am 16. Juni

Am 16. Juni um 14:00 Uhr findet in der ref. Kirche in Affoltern eine Abschlussfeier statt. Diese ist öffentlich und alle sind herzlich dazu eingeladen. Am 18. Juni heisst es dann Abschied nehmen. Was bleibt, sind persönliche Kontakte über Grenzen hinweg, unvergessliche Momente und Einblicke in eine andere Kultur, die Erinnerung an strahlende Kinderaugen — und die Vorfreude auf nächstes Jahr.

Manfred und Jeannette Strebel
Affoltern am Albis, 4. Juni 2002