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Ein Velohelm zum Ferienstart

Kinder aus Tschernobyl weilen einen Monat im Säuliamt

Einen Monat lang lernen Kinder aus der Gegend von Tschernobyl das Säuliamt und die Schweiz kennen. Tanken in unbeschwerter Atmosphäre Energie und Kraft. Magdalena Suter und Hasi Schwarzenbach beherbergten schon letztes Jahr einen jungen Feriengast aus Weissrussland.

Von Martin Schuppli

17 Jahre ist es her, dass im ukrainischen Tschernobyl das Atomkraftwerk leckte. Die radioaktive Strahlung brachte den Tod für Tausende von Menschen, hinterliess Not und Elend. Dörfer und Städte lagen plötzlich in der Todeszone – die Natur wurde auf Jahrzehnte hinaus vergiftet. Unter diesen katastrophalen Umständen leiden auch Kinder, die nach der Reaktorkatastrophe zur Welt kamen. Ihr Immunsystem ist geschwächt. Sie sind anfälliger für Krankheiten da ihre Abwehrkraft nie eine Chance hatte, sich normal zu entwickeln. Bereits Grippe oder Husten können schwerwiegende Folgen haben.

Stärkende Ferien im Säuliamt

Solch geschwächten Kindern kann geholfen werden. Bereits ein Aufenthalt von einem Monat in unbelastetem Gebiet hilft ihrem Immunsystem stärker zu werden. Darum haben die Mitglieder des Projekt-Belarus im vergangenen Jahr zwanzig Kinder aus der weissrussischen Region Tschorny Bor (ca. 230 km östlich von Minsk) ins Säuliamt eingeladen, wo sie bei Familien unbeschwerte Ferien verbringen durften (der Anzeiger berichtete ausführlich).

Magdalena Suter (53) und Hasi Schwarzenbach (47) aus Mettmentstetten machten auch mit und beherbergten bereits im vergangenen Jahr während eines Monats den 12-jährigen Vitali. «Ich hörte von diesem Projekt im Frauenverein. Es hat uns sofort interessiert», sagt die Verwaltungsangestellte. «Zumal meine älteste Tochter damals für drei Monate in Thailand lebte und wir ein Zimmer frei hatten.» Magdalena Suter ist Mutter von vier Mädchen. Zusammen mit den Kindern sowie ihrem Lebenspartner wurde ausgiebig diskutiert und schlussendlich entschieden, dass einem Buben Gastrecht gewährt werden solle. «Eigentlich dachten wir an einen etwa 15-Jährigen. Der wäre ungefähr gleich alt gewesen wie Ursina, meine jüngste Tochter.» Gekommen ist dann Vitali, er war zwölf Jahre alt.

An der Börse kleideten sich alle ein

«Vitali war scheu und wir konnten nichts mit ihm reden», erinnert sich Hasi Schwarzenbach. «Obwohl Magdalena und ich schon seit einem halben Jahr ins Russisch gingen.» Auf der Fahrt nach Hause kam der Bub dann erstmals ins Staunen. «Wir setzten ihn auf allen Autofahrten auf den Vordersitz und so konnte er alles genau sehen. Das gefiel ihm», sagt Hasi Schwarzenbach. An der Albisstrasse in Mettmenstetten zeigte die Gastfamilie dem jungen Weissrussen Haus und Garten, erklärte ihm, wie alles funktioniert und wo er schlafen würde. Er schüttelte oft den Kopf, staunte und schwieg.

Von Magdalena Suter erhielt Vitali zuerst eine Zahnbürste. Kleider und Schuhe durfte er dann anderntags aussuchen. Für die Kinder aus der Region Tschorny Bor wurde eine Börse errichtet, wo jede Familie ihren Gast einkleiden konnte. Ziel war, dass die Kinder sowohl für die Ferien als auch für den Winter genügend Kleider erhalten würden. Selbstverständlich konnten sie bei der Heimkehr alles mitnehmen.

«Vitali war zum Glück nicht heikel», sagt Magdalena Suter. «Wir fanden in der riesigen Auswahl fast alles, was er brauchen konnte. Einzig Schuhe in seiner Grösse waren Mangelware.» Mit einem grossen Sack voller Kleider und Schuhen, konnte Vitali nun seine Ferien geniessen. Die liebsten Stücke waren ihm ein Mickey-Mouse-Pulli und eine blaue Dächlikappe.

Gefahr drohte auf der Strasse

In den ersten Tagen erkundeten die Mettmenstetter mit ihrem Feriengast die Umgebung. Gefährlich war vorallem der Umgang mit der Strasse. «Das sind sich diese Kinder nicht gewohnt», erzählt Hasi Schwarzenbach. «Einmal musste ich Vitali tadeln, weil er einfach so über die Albisstrasse hühnerte. Zwei Wochen später machte er dann allerdings mich auch darauf aufmerksam, dass ich nicht links und rechts geschaut hätte.»

Die Kommunikation war natürlich schwer. Der Bub verstand nur seine Sprache und war eher schweigsam. Verständigen konnte man sich mit Handzeichen sowie mit dem Wörterbuch. «Wir nahmen ihn jeweils mit in die Russischstunden», sagt Magdalena Suter. «Nachdem wir einen Satz vorgelesen hatten, durfte er einen ganzen Abschnitt vortragen. Das hat ihm sichtlich Spass gemacht.»

Vitali erhielt auch ein Velo und einen Helm. Einmal fuhren alle mit dem Zug nach Engelberg und dann auf Mietvelos hinunter bis nach Stans. «Das hat ihm sehr gefallen. Denn seine Heimat ist das flache Land. Berge und Hügel waren für ihn neu. Das merkte man bei den Abfahrten. Da hab ich manchmal Blut geschwitzt», sagt Magdalena Suter. «Ich wusste ja nie, ob er auch im richtigen Moment bremsen würde.»

Vitali kannte auch keine Legosteine. Als ihm die Mädchen einmal ihre Sammlung auf dem Tisch ausleerten, konnte er nichts damit anfangen. Dafür gefiel ihm die batteriebetriebene Eisenbahn und der ferngesteuerte Lastwagen, den er von Bekannten geschenkt erhielt. «Damit kurvte er den ganzen Tag herum. Das nervte mich mit der Zeit gewaltig», sagt Barbara Suter (20). «Trotzdem, ich freue mich schon auf das nächste Ferienkind.»

Jury ist 13 Jahre alt

Mit ihrem neuen Gast wollen Hasi Schwarzenbach und Magdalena Suter einiges anders machen. «Wir werden die Dolmetscherin schon in den ersten Tagen mal zum Znacht einladen. Sie soll uns helfen, dass wir unserem Ferienbuben einiges erklären können. Zum Beispiel wie das WC benutzt wird oder warum wir oft die Socken wechseln.» Auch soll der Bub in der Nachbarschaft einen Kollegen haben. Jurys Ferieneltern konnten eine Familie am Böniweg für das diesjährige Projekt gewinnen. «Wir wechseln uns in der Betreuung der Kinder ab und die Buben haben jemanden zum reden und spielen.»

Auch in der Projektorganisation wurde einiges geändert. Die Kinder erhalten in diesem Jahr Verkehrsunterricht und Velohelme. Das Ferienprogramm ist nun nicht mehr nur in Deutsch abgefasst, sondern auch in russischer Sprache. So erfahren jetzt auch die jungen Gäste im voraus, wohin die Reise geht. Geplant sind Schifffahrten, ein Abenteuertag auf dem Bauspielplatz in Affoltern, Besuche in Museen (Technorama, Verkehrshaus), in Zoos sowie Tierparks. Natürlich gehts wieder auf die Rigi und in die Höllgrotte. Die Pfadi organisiert ein Wochenende und in Affoltern wird einmal eine Schule besucht.

Kinder wurden in Weissrussland abgeholt

Brigitte Schober (44) und) Franziska Sager (34) reisten dieses Jahr nach Minsk und holten die Feriengäste ab. «Es war eine eindrückliche Szene, als wir ins Dorf Tschorny Bor kamen», sagt Brigitte Schober. «Viele Menschen sassen auf den Bänkli vor ihren Häusern und beobachteten uns. Sie wussten alle, dass wir nun die Kinder in die Ferien mitnehmen würden. Wir lernten ihre Familien kennen. Sahen ihr Schulhaus und sprachen mit ihren Lehrerinnen.»

Das entkrampfte die Situation und das spürte man am Sonntag in der Gerbi. Scheu waren sie zwar und noch etwas bleich die Buben und Maitli aus dem kleinen Dorf bei Tschernobyl. Aber geduldig suchten sie sich Kleider aus, Schuhe, Käppis und sogar Taschen und Koffer. Sogar das Wort «Cheese» kannten sie und darum lachten sie dem Fotografen auch in die Kamera. Noch ist alles neu und das meiste ungewohnt. Aber schnell werden sie sich an uns und unsere Mentalität gewöhnt haben.

Und auch ihnen werden Abschied und Heimreise in einem Monat schwerfallen. Aber von Vitali und allen die letztes Jahr hier waren, wissen sie schon jetzt, dass sie nicht vergessen werden. «Selbstverständlich schreiben wir immer wieder mal einen Brief nach Weissrussland», sagt Magdalena Suter. «Und auf Weihnachten gabs dann ein Päckli. Darum ist es gut möglich, dass wir Jury nicht lehren müssen Uno zu spielen. Das hat ihm sein Freund Vitali wahrscheinlich beigebracht.» Das schnelle Kartenspiel machte der letzjährige Feriengast nämlich leidenschaftlich gerne.

Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern, 20. Mai 2003